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Dokumentation
Produktionsdaten
Abbildung:
Titel:Die zweite Republik - eine unglaubliche Geschichte
Medienart:Video-Kassette
Herausgeber:ORF Österreichischer Rundfunk 
Hersteller-Land:Österreich 
Hersteller-Ort:Wien 
Hersteller-Jahr:2005 
Produktumfang:1 Video 
Systemvoraus-
setzungen:
Videorecorder 
Inhalt
Retrieval
Ethik-
Themenfeld:
Auszeichnung
Auszeichnungs-Art:Euromedia-Medaille 
Auszeichnungs-Jahr:2005 
Auszeichnungs-Ort:Berlin 
Auszeichnungs-text:Thomas A. Bauer / Universität Wien: EUROMEDIA MEDAILLE BERLIN 2005 LAUDATIO FÜR HUGO PORTISCH: DIE ZWEITE REPUBLIK – EINE UNGLAUBLIICHE GESCHICHTE Eine TV-Dokumentation in vier Folgen. Folge 1: Vom krieg zum Staat in 14 tagen Folge 2: Österreich auf dem Prüfstand Folge 3: Vor der Zerreissprobe Folge 4: Endlich: der Staatsvertrag und doch kein Schlussstrich! Das Jahr 2005 ist für Österreich in mehrfacher Hinsicht ein Gedenkjahr: Vor 60 Jahren wurde Österreich nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reichs neu gegründet, wenngleich zunächst unter den Bedingungen der Besatzung. Vor 50 Jahren wurde der Staatsvertrag unterzeichnet, mit dem Österreich sich von der Nachkriegsbesatzung befreien konnte. Beide Jubiläen nehmen Hugo Portisch und mit ihm die Abteilung für Dokumentation des ORF zum Anlass, diese wechselvolle Geschichte noch einmal gründlich, grundsätzlich und unter Verwendung von bis dato noch nicht verwertetem Archiv-Material aufzuarbeiten. Das Ziel der Produktion ist es, vor allem der österreichischen Öffentlichkeit unter Beweis durch und Verweis auf die penibel rekonstruierten Ereignisse darzulegen, dass die Weg von der Neugründung Österreichs bis zur Unterzeichnung des Staatsvertrags kein historischer Selbstläufer war, sondern ein Zusammenspiel von Aktionen, Reaktionen, Entscheidungen und Entscheidungsinterpretationen, also von Faktoren, die zwischen Versuch und Irrtum zum einen auf Glück, zum andern auf beharrliche Strategie setzten; und – aus heutiger Sicht vermutlich der größte Segen, zugleich die Herausforderung für die Zukunft – auf eine implizit europäische Perspektive. Jenseits dieser inhaltlichen Aufarbeitung, für die Hugo Portisch in selbstbescheidener Weise immer reklamiert „nur“ als ein Historiker zu arbeiten, nicht als Journalist, womit er durchaus die traditionelle und vor-postmoderne Auffassung von historischer Wissenschaft als einer auf Faktentreue sich bescheidenden Analyse zur Voraussetzung seiner Arbeit macht, die auch vorgibt sich einer journalistischen Wertung zu entziehen – jenseits dieser inhaltlichen Kompetenz, gilt es den impliziten Bildungsgestus des gesamten Projektes wahrzunehmen und zu evaluieren – und dieser Zugang nimmt notwendiger Weise das journalistische Konzept näher unter die Lupe. Mit dem Erfolg, um es vorweg zu nehmen, am Ende ein der mediendidaktischen Intuition und der journalistischen Sensitivität wegen ausgezeichnetes und auszeichnungswertes Oevre vor sich zu sehen, in dem sich eine geschichtsbewusste Mentalität mit einer analytischen Systematik und mit der Fähigkeit eines Erzählers trifft, der an das Potential des freien und authentischen Handelns glaubt. Mit der bemerkenswerten Bereitschaft zur Dankbarkeit für Ereignisse, die für historisch gehalten werden, weil sie geschehen ohne dass sie jemandes ausdrückliches Verdienst wären und mit der Bereitschaft der Verehrung für Menschen, die ihr Leben im Dienst der Gesellschaft und ihrer Werte aufbrauchen, entsteht eine Textur, entsteht Geschichte aus Geschichten. Es ist vermutlich die Mischung einer ihm eigenen erzählerischen Attitüde - die changiert zwischen dramatisch aufgebauter Stimmung, die zu erreichen es mitunter genügt die Augenbrauen zu heben, bis hin zu einer im Stil der Gute-Nacht-Geschichte intonierten Beruhigung - und einer konsequent verfolgten Konzeption des Dokumentarischen, die sich den theoretischen Überlegungen zur dokumentarischen Beobachtung nahtlos fügt. Beobachten kann man ja nur, was zwischen sich selbst und einem von sich selbst Ausgeschlossenen unterschieden werden kann. Trotzdem fallen der Gegenstand der Beobachtung und die Beobachtung in eins, wenn und weil der Beobachter nichts anderes tut als seine Beobachtung zu beobachten bzw. für andre beobachtbar zu machen. Der Beobachter schreibt mit, besser noch: die Feder, mit der er schreibt, schreibt mit, oder noch einmal anders: die schließlich in Text gebrachte Dokumentation beschreibt die Beobachtung des Beobachters und widerspiegelt dessen Blick. So kommt es schlussendlich, dass nicht wir das Fernsehen beobachten, sondern das Fernsehen uns – auch und vor allem in und durch Dokumentationen, weil man in Arbeit mit diesen meint, in und mit diesen besonders genau und ohne jede zusätzliche Fiktion wieder zu geben, was ist und/oder war. Nichts führt direkter zur Äußerung jener längst vor den Fakten liegender Fiktionen, durch die Fakten erst die Bedeutung eines relevanten Faktums erreichen. So veräußerte Fakten sind also nur real aus der Sicht eines individuellen Selbst, eingebunden in ein sozial repräsentiertes Wissen darüber. In diesem Sinne ist der Stoff, den man dokumentiert, nicht „die Welt“, die man meint zu beschreiben, sondern die „Umwelt“. Andere Beobachter beschreiben, konstruieren eben auch eine andere Umwelt. Ebene diese konstruktivistische Anmerkung macht noch einmal die Verantwortung des Autors deutlich, die im Sinne einer kompetenten Kombination von gesellschaftlich relevanter Geschichtsbeschreibung und journalistischer Professionalität eben auch darin liegt, interpretative Unterbrechungen einzubringen in den sich selbst beschreibenden und selbst versorgenden Mechanismus der Bedienung von Fakten. Erkenntnistheoretisch geht es um die Korrespondenz zwischen Welt und Erkenntnis, die die blinde Gläubigkeit gegenüber dem Dokumentarfilm etwas in Mitleidenschaft gezogen hat. Journalistisch aber geht es um die operative Herstellung einer Welt als der Summe der möglichen Betrachtungen von dem, was der Fall sein kann (um eine Definition von Welt von L. Wittgenstein zu gebrauchen). Der Dokumentarfilm hat in diesem Bemühen um die Konstruktion einer lebenswerten Welt eine besondere Position. Er ist eine spezifische Diskursform in der Betrachtung von Geschichte wie in der Geschichte von Betrachtung. Er spielt nicht, er gibt daher nicht ein „looking in“, durch das der Zuschauer zunehmend in den Bann des Imaginären gezogen würde. Er bringt den Zuseher zum „looking out“ , also durch den (natürlich auch visuellen) Text zu Welt der real-historischen Ereignisse (Breuer). So liegt die Herausforderung einer historischen Fernsehdokumentation in der Schere zwischen dem Ansatz, einen ontologischen Diskurs führen zu wollen und der Wirkung, die darin besteht, dass die Realität, die für den Zuschauer entsteht, nicht der Fakten wegen, sondern der Glaubwürdigkeit des Erzählers und des Erzählformates wegen entsteht. Für den Zuschauer wird Geschichte zum Faktum, wenn und weil er sich selbst als Faktor der Bestimmung der Bedeutung des Erzählten wird, was Hugo Portisch auch dadurch erreicht, dass er nicht einfach Ereignisse und Wirklichkeiten dokumentarisch verwertet, sondern Werte der Zeit zur Wirkung für jetzt bringt. Hugo Portisch macht so österreichische Geschichte – in des Wortes mehrfacher Bedeutung. Er macht aus Geschichten eine konzise Geschichte, in der sich Österreich wieder erkennt. Und er macht Geschichte auf Österreichisch, also in einer Annäherung, die sachlichen Fakten und Daten jene Bedeutungen abringt, die Österreichern immer wieder wichtig sind: Sicherheit, Umsorgtheit, Verlass auf Institutionen, Idole, Alltagsheroen, und das etwas fatalistische, tägliche und nimmermüde Hoffen auf bessere Zeiten. Für die Verleihung der Euro-Media-Auszeichnung ist eben dieser Aspekt entscheidend. Hugo Portisch macht mit Dokumentationen Bildungsformate und mit diesen Mediengeschichte. Auch das in zweifacher Hinsicht. Zum einen weiß er, ein Zeitungswissenschafter mit historischem Background, dass Medien ein unerschöpfliches Archiv sind, weil sich in ihnen Zeitgeschichte reflektiert und so bezieht er sich laufend auf zeitgenössische Medien, um in ihnen den Widerhall der Ereignisse zu finden. Zum andern macht er Mediengeschichte durch den differenzierten dramaturgischen Gebrauch des Dokumentarischen im Medium Fernsehen. Er holt so heraus, was das Medium immer schon für sich beansprucht zu sein: ein Leitmedium, an dessen Wirkung andere Medien nicht heranreichen. Dies zu erreichen ist unter anderen geforderten Kompetenzen möglich, wenn der Dokumentarist es versteht, die Technologie und die Formensprache des Mediums mit der Kultursprache der Bildung so zu kombinieren, dass die eine das kommunikative Potenzial der anderen multipliziert. Dies ist in der hier auszuzeichnenden Dokumentation, die ein bedeutungsreiches Kapitel österreichischer Zeitgeschichte für eine nachhaltige Verwertung historisch relevanten Wissens aufarbeitet, dank einer sensitiven Mischung aus Archivsystemen, Animationen und Erzählstrukturen beispielhaft gelungen. Die Auszeichnung mit der Euromedia-Madaille durch die Deutsche Gesellschaft für Pädagogik und Information und durch die Europäische Gesellschaft für Bildung und Kommunikation gilt dem Autor und Produzenten Hugo Portisch, der herausragenden Produktion und nicht zuletzt der Abteilung Dokumentation des ORF als dem Medienhaus, das mit dieser Produktion eine nicht hoch genug zu schätzende Erinnerungsarbeit ermöglicht hat. thomas.bauer@univie.ac.at  
Laudator:O. Univ.-Prof. Dr. Thomas A. Bauer 
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